Was ist ein “Spezialkraftwagen”, wenn kein LKW?

Borgward B555A - Typenschein
Borgward B555A – Typenschein

Bereits bevor wir unseren Borgward gekauft haben und damit in die Welt der “Schwergewichte” eingestiegen sind, hat uns die Frage beschäftigt, was wir mit einem LKW dürfen und nicht mehr dürfen werden. Denn der Komfortgewinn durch ein größeres Fahrzeug geht auch mit potentiellen Einschränkungen einher. Umso wichtiger ist es, zu wissen was genau ein Spezialkraftwagen ist.
Da es in verschiedenen Foren und bei unzähligen Gesprächen laufend die selben Fragen zu dem Thema auftun, soll dieser Beitrag die wichtigsten Informationen als Hilfestellung zusammenstellen.

Ein Lastkraftwagen (LKW) darf sich auf den meisten Straßen in Österreich, Deutschland und dem restlichen Europa nur sehr eingeschränkt bewegen. Zudem ist die Fortbewegung mit einem LKW auch wesentlich teurer als mit einem normalen Personenkraftwagen (PKW).

Was bedeutet dies aber für Reisemobil-Besitzer nun wirklich? Und worauf hat man zu achten, damit man nicht an Freiheit und Freude zu stark einbüßen muss. Jedenfalls sollte die Freude am großen Reisemobil nicht durch Strafzahlungen und Beschränkungen getrübt werden.

Zuerst einmal zu Begriffsbestimmungen und allgemeinen Regeln:

Lastkraftwagen (LKW) vs. Spezialkraftwagen: Bestimmungen

Prüfstand Spezialkraftwagen
Bildquelle: Stadtwerke Leoben

Definition laut Gesetz

Per Definition des Österreichische Kraffahrzeugsgesetzes (KFG 1967) §2 (1) wird ein Lastkraftwagen definiert als ein “Kraftwagen (Z 3), der nach seiner Bauart und Ausrüstung ausschließlich oder vorwiegend zur Beförderung von Gütern oder zum Ziehen von Anhängern auf für den Fahrzeugverkehr bestimmten Landflächen bestimmt ist, auch wenn er in diesem Fall eine beschränkte Ladefläche aufweist”. Diese Definition ist die Grundlage für alle Bestimmungen, die grundsätzlich für LKW in Österreich gelten. Die Defintion in Deutschland ist ähnlich lautend.

Die Definition für einen Spezialkraftwagen im selben Abschnitt des Gesetzes, stellt schon die erste “Ausnahme” dar. Denn ein Spezialkraftwagen ist ein Kraftwagen, der eben keiner Standard-Definition im Gesetz entspricht: er ist kein Personenkraftwagen, kein Kombinationskraftwagen, kein Omnibus, kein Lastkraftwagen, keine Zugmaschine, kein Sattelzugfahrzeug, kein Transportkarren, kein Motorkarren, keine selbstfahrende Arbeitsmaschine, kein Feuerwehrfahrzeug, kein Wohnmobil der Klasse M1, kein beschussgeschütztes Fahrzeug, kein Krankenwagen, und auch kein Leichenwagen.

Diese Definition gibt uns demnach schon viel Aufschluss. Im Klartext heisst das: nur ein Fahrzeug der Klasse N (also mit einem höchstzulässigem Gesamtgewicht von mehr als 3.500 Kilogramm) kann ein Spezialkraftwagen sein, jedoch ist es kein LKW.
In der Praxis heisst das: es gelten grundsätzlich alle Regeln für Fahrzeuge mit einem höchstzulässigem Gesamtgewicht von mehr als 3,5 Tonnen; vor allem aus steuerlicher Sicht und auch in puncto Mautkosten. Aber: es gelten nicht die unzähligen Einschränkungen für LKW.

Steuer und Maut

LKW-Maut
Bildquelle: Verkehrsrundschau

Zum Thema Kraftfahrzeugsteuer gibt es hier schon einen eigenen Artikel. Auf dieses wird hier nicht näher eingegangen.

In Österreich gibt es für alle Autobahnen eine Benützungsgebührt, die Autobahnmaut. Sie wird von der ASFINAG im Namen der Republik eingehoben. Für alle Kraftfahrzeuge über 3,5 Tonnen ist eine sogenannte GO-Box erforderlich, die zur automatisierten Verrechnung der, von der Fahrtstrecke abhängigen, Maut dient.

Die Mautgebühr ist von der Anzahl der Achsen des Fahrzeugs, von der Emissionsklasse (EURO-Klasse) und vom Fahrzeugtyp abhängig. Zudem gibt es noch unterschiedliche Tarife für Tag und Nacht. Details können der aktuellen Maut-Tabelle entnommen werden:

GO-Maut 2017
ASFINAG Maut-Tabelle (GO-Maut) 2017

In puncot Autobahn-Maut ist es wichtig zu wissen, dass ein Wohnmobil und ein Spezialkraftwagen immer wie ein Bus eingestuft wird. Dies hat den Vorteil, dass auf der GO-Box eine Fixeinstellung der Achsen vorgenommen wird. Damit zählen immer nur die Achsen des Kraftfahrzeugs selbst. Sollte man dann dennoch einen Anhänger ziehen, muss die Achsanzahl nicht erhöht werden und es kommt kein Aufpreis für den Anhänger zur Verrechnung. Das ist im Falle eines klassischen LKWs übrigens anders.

Verbote, Verbote, Verbote

Für LKW gelten grundsätzlich in Österreich (und auch in Deutschland) eine Menge Verbote. Man sollte darüber Bescheid wissen, jedoch vorweg: für Kraftfahrzeuge, die als Spezialkraftwagen zugelassen sind, gelten sie grundsätzlich nicht.

Fahrverbot LKW
Bildquelle: Die Presse

Allgemeines Nachtfahrverbot, Wochenendfahrverbot, und Feiertagsfahrverbot

Diese Kraftfahrzeuge dürfen an Samstagen von 15 Uhr bis 24 Uhr und an Sonntagen von 0 Uhr bis 22 Uhr nicht fahren:

  • Lastkraftwagen mit Anhängern, wenn das höchstzulässige Gesamtgewicht des LKWs oder des Anhängers mehr als 3,5 Tonnen beträgt;
  • Lastkraftwagen Sattelkraftfahrzeuge und selbstfahrende Arbeitsmaschinen mit einem höchstzulässigen Gesamtgewicht von mehr als 7,5 Tonnen.

Ebenfalls verboten ist täglich zwischen 22 und 5 Uhr das Fahren mit Lastkraftfahrzeugen mit einem höchstzulässigen Gesamtgewicht von mehr als 7,5 Tonnen. Ausgenommen davon sind nur lärmarme LKW mit entsprechendem Zertifikat.

Ferienfahrverbot

Wenn es für einen Spezialkraftwagen gelten würde, wäre dies wohl das unangenehmste Fahrverbot. Gut, dass dem nicht so ist.

Neben den zuvor genannten allgemeinen Fahrverboten (Nacht-, Wochenend- und Feiertagsfahrverbot) für schwere LKW gelten sektorale Fahrverbote auf Strecken, die besonders im Ferien-Reiseverkehr von Interesse sind.

Die Liste der LKW-Ferienfahrverbote für 2017 ist hier abrufbar: HELP.gv.at.

Nachtparkverbot

In der Zeit der Fahrverbote und ansonsten jeweils von 22 Uhr bis 6 Uhr täglich ist das Parken von Lastkraftwägen mit über 3,5 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht im Ortsgebiet mit einem Abstand von weniger als 25 Metern von Häusern verboten, die die ausschließlich oder vorwiegend Wohnzwecken dienen oder die Krankenanstalten, Kuranstalten oder Altersheime sind.

Fahrverbot am linken Autobahn-Fahrstreifen

Für Lastkraftwagen ist auf Österreichischen Autobahnen das Fahren am äußersten linken Fahrstreifen verboten, sofern es sich um einen drei- oder vierspurigen Autobahnabschnitt handelt.

Spezialkraftwagen ausgenommen

All diese Verbote gelten nicht für ein Kraftfahrzeug, das als Spezialkraftwagen zugelassen ist. Das ist die gute Nachricht. Denn ein Spezialkraftwagen ist einfach kein Lastkraftwagen!

Welche Verbote gelten auch für Spezialkraftwagen?

Unabhängig von den LKW-spezifischen Fahrverboten sind allgemeine Fahrverbote, die sich auf das Gewicht oder die Größe bzw. Abmessungen des Fahrzeugs beziehen. Diese sind selbstverständlich auf für Spezialfahrzeuge gültig.

Auch gültig sind die Geschwindigkeits-Beschränkungen, die für LKW gelten. Denn diese sind auf Basis von Größe und Gewicht des Fahrzeugs definiert.

Zulassung als Wohnmobil

Wohnmobil-Zulassung
Bildquelle: Promobil

Zu mindest in Deutschland gibt es im Zulassungschein (Fahrzeugschein) noch besondere Eintragungsmöglichkeiten für Wohnmobile. Damit sind gewisse Fahrzeugklassen dann ebenfalls unabhängig von ihrem Gewicht ähnlich einem PKW eingestuft. Sie sind aber eben keine Spezialkraftwagen sondern Wohnmobile. Das hat sicherlich ebenso Vor- wie Nachteile. Der größte Nachteil ist sicherlich, dass es in manchen Regionen dezitierte Parkverbote für Wohnmobile gibt. Streng genommen würden diese für Spezialkraftwagen nicht gültig sein.

In Österreich gibt es diese Klassifizierung “Personenkraftwagen/M1 Wohnmobil” ebenfalls. Jedoch generell mit weniger Detailspezifikationen im Vergleich zu den Deutschen Fahrzeugscheinen. Aber letztendlich mit der gleichen Konsequenz.

So sollte man froh sein, wenn man einen Spezialkraftwagen sein Eigen nennen kann. In jeder Hinsicht!

Hinweis: Hierbei handelt es sich um eine reine Informationszusammenstellung ohne legale Verbindlichkeit. Im Falle von Detailfragen, sollte ein Verkehrsjurist (z.B. beim ÖAMTC) konsultiert werden!

5 Gedanken zu „Was ist ein “Spezialkraftwagen”, wenn kein LKW?“

  1. Hey!
    Super Infos. Aber aktuell ist auch ein großer Bedarf (zumindest bei uns) an Infos zu den “Sperrgebieten in Österreich wegen der Umweltklassen. Irgendwie hat sich da wohl gerade mächtg was geändert. Ganze Regionen werden für Sonderkfz Womo >3,5 to (2,8 to) zum Nogo?????
    Wäre mal ein Thema für so’n Fachmann wie dich
    MlG
    Stephan und Heidi aus Big Blue vom Hof Schwarzes Moor

    1. Hej!
      Danke sehr!
      Zur Frage betreffend “Sperrgebieten”: mir ist aktuell nur das Thema großflächiger Beschränkungen in der Form von “Umweltzonen” bekannt. Das sind aber auch Einschränkungen, die für Fahrzeuge gelten, die als LKW zugelassen sind. Genauer: Fahrzeugklassen N2 und N3. Auch in diesem Punkt sind Spezialkraftwagen unberührt. Wenn man aber ein Fahrzeug hat, das in einer dieser Klassen zugelassen ist und nur einen Zusatzvermerk “Wohnmobil” hat, dann siehts wohl schlecht aus. Der ÖAMTC hat dazu eine eigene Info-Seite eingerichtet, auf der alles sehr übersichtlich zusammengefasst ist!
      Ansonsten gibt es natürlich immer wieder Ortschaften mit Einschränkungen für Fahrzeuge mit höherem Gewicht. Hier habe ich festgestellt, dass man mit einem HzG von 7,5 Tonnen gerade noch “gut fährt”!
      Hilft das?
      LG, Floh

  2. Klasse Seite! Ich hab Euch gleich in’s Herz geschlossen!
    Wir (eine freilernende, reisende Familie aus OÖ) sind mit unseren Überlegungen relativ weit uns aus Deutschland einen MAN mit Aufbau zu importieren. Eingetragen ist der in Deutschland als So-Kfz-Wohnmobil … das klingt ja schon mal recht gut was all die drohenden Umweltzonen und schon bestehende Verbote für LKWs angeht (klasse Artikel übrigens) Aber laut Auskunft des Betreibers des NOVA-Rechners muss ich damit rechnen als Womo M1 eingestuft zu werden (was leider die Bezahlung der NOVA mit sich führt).

    Frage: Wisst Ihr Bescheid wie ich die “Umklassifizierung” vermeiden kann, weiterhin als So-KFZ über die Straßen rollen (wenn einmal in der EU typisiert, sollte das doch auch für Österreich passen) und mir die Entrichtung der NOVA sparen kann?
    Vielleicht wißt Ihr da mehr darüber 😉

    Würde mich über eine zeitnahe Antwort sehr freuen, denn der MAN ist nicht mehr lange verfügbar 😉
    Liebe Grüße aus OÖ

    1. Hallo Uli!
      Wenn das Fahrzeug als “M1” klassifiziert werden sollte, dann ist eh alles kein Problem. Denn alle M-Klassen sind PKWs. Blöd ist, wenn ihr eine N-Klasse bekommt.
      Die Zulassung als Spezialkraftwagen oder Sonder-KFZ wird im Einzelgenehmigungsverfahren vom jeweiligen Referat der Landesregierung entschieden. Ich würde dort einmal nachfragen.
      Ansonsten kannst du ja einmal über unseren Borgward nachdenken, der schon so klassifiziert ist! 🙂
      LG,
      Floh

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